Wie Gänse leben

Wie lebt eigentlich die Graugans? Warum ist die Nilgans heilig? Wer ist die größte Wildgans in Europa? Und welchen unglaublichen Rekord hält die Indische Streifengans?
Diese und andere Fragen beantworten die Mitarbeiter des gemeinnützigen Vereins “Erna-Ente-Treff” im Kurpark Bad Nauheim regelmäßig. Auf Basis des Wissens dieser Einrichtung soll der folgende Artikel Wissenswertes und Spannendes über die vier Gänsearten berichten.

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Als zweitgrößte hier ansässige Art und als einer der häufigsten europäischen Wasservögel ist die Graugans nahezu jedem ein Begriff. Der gesellige Vorfahre unserer Hausgänse ist vor allem zur Zeit der Wanderung in die Winterquartiere in großen Schwärmen anzutreffen. Jedoch stammen die meisten noch ziehenden Graugänse aus Asien, denn die Populationen in Nord- und Westeuropa haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte zu Standvögeln entwickelt. Aufgrund der intensiven Landwirtschaft finden sie auch im Winter genügend Nahrung und können sich den weiten Weg Richtung Algerien, Tunesien, Adria oder die Iberische Halbinsel sparen.
Doch so gesellschaftsliebend die Graugans ist, in der Brutzeit möchte jedes Paar für sich sein. Die Tiere bilden kleine, lockere Brutkolonien mit viel Abstand zwischen den einzelnen Nestern. Während das Weibchen brütet, verteidigt das Männchen aggressiv das Gelege gegen Alles und Jeden, der zu nahe kommt. Wird es dennoch zerstört, erfolgt keine Nachbrut, denn Graugänse brüten nur einmal im Jahr. Die Paare bleiben meist lebenslang zusammen und bilden mit ihren Küken bis zur nächsten Brut einen Familienverbund. Zusammengehörige Tiere erkennen sich am Ruf, da jedes Individuum eine andere Stimme hat.
Aber keine Regel ohne Ausnahme: Unter den Graugänsen gibt es homosexuelle Paare. Meist sind es Ganter, die sich zusammentun, manchmal sogar mit einer Gänsedame dazu. In diesem Fall begatten beide Ganter das Weibchen und das Trio zieht den Nachwuchs gemeinsam groß. Danach verlässt die Gans die beiden Männchen wieder, die weiterhin zusammenbleiben.
Immer wieder passiert es, dass sich Graugänse einen ganz anderen Partner suchen: Hybride zwischen Grau- und Kanadagans sind keine Seltenheit.

Die Kanadagans ist in Europa die größte in freier Wildbahn anzutreffende und weltweit die am häufigsten vertretene Gänseart. Dies zeigt sich auch durch ihre Präsenz in zahlreichen Mediendarstellungen, beispielsweise im Film “Tierisch Wild” oder der Kinderserie “Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen”.
Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Kanadagans erstreckt sich über das namensgebende Kanada und Nordamerika. Sie kam als Ziergeflügel nach Europa und verbreitete sich als Gefangenschaftsflüchtling oder wurde erfolgreich in neuen Gebieten wie England, Schweden und Skandinavien angesiedelt.
Das Brut- und Paarverhalten der Kanadagänse ist dem der Graugänse sehr ähnlich. Bei Kanadagänsen treten ebenfalls homosexuelle Beziehungen auf, wobei sich überwiegend männliche Paare zusammenfinden.

Einen weiteren Gefangenschaftsflüchtling stellt die Nilgans dar, die sich momentan erfolgreich in ganz Deutschland ausbreitet. Sie wurde wegen ihres exotischen Aussehens bereits von den alten Ägyptern, Griechen und Römern als Ziergeflügel gehalten und später aus Afrika nach Großbritannien eingeschifft, von wo aus sie sich über ganz Mitteleuropa verbreitete. Nach Deutschland kam die Nilgans über die Niederlande. Der beidseitige Augenfleck, sowie der Brustfleck und die Halskrause machen diese Halbgans unverwechselbar. Eine Begegnung mit der mystisch anmutenden Nilgans lässt nachvollziehen, weshalb sie im alten Ägypten als heiliger Vogel des Schöpfergottes Amun verehrt wurde.
Die hochbeinige Halbgans ernährt sich von Gräsern, Würmern und Schnecken. Oft ist sie auf abgeernteten Feldern anzutreffen, wo sie Getreidekörner aufsammelt, was ihr ein Überleben im Winter sichert. Das, die hohe Nachwuchsrate sowie die Tatsache, dass sich die Jungen ein eigenes Revier suchen müssen, sobald sie ausgewachsen sind, tragen zu der raschen und erfolgreichen Ansiedlung der Nilgans in neuen Gebieten bei.
Im Gegensatz zu den meisten Gänsearten ist die Nilgans nicht sehr gesellig und gilt als aggressiv; vor allem während der Brutzeit verteidigt ein Paar sein Revier enorm. Das führt dazu, dass bereits einheimische Arten, wie die Graugans, verdrängt werden und die Nilgans allmählich zur Plage wird. Noch dazu sind Nilgänse sehr anpassungsfähig, auch was den Nistplatz betrifft. Ob verlassene Horste, in Bäumen, am Ufer, auf Felsen – Hauptsache, ein Gewässer ist nicht weit. Der Nachwuchs ist erst mit vier bis fünf Monaten voll ausgefärbt und weist die unverwechselbaren Augenringe sowie die Brustflecken auf.

Genauso exotisch ist die aus Zentral- und Südasien stammende Indische Streifengans. Neben ihrer Schönheit ist sie Rekordhalter: Als einziges Lebewesen ist sie in der Lage, den Himalaya in einer Höhe von bis zu 9000 m zu überfliegen. Dies wird ihr durch eine Mutation des Sauerstofftransportproteins Hämoglobin ermöglicht, welches in kürzester Zeit sehr viel Sauerstoff aufnehmen kann und so den Sauerstoffmangel in diesen Höhen ausgleicht. Auf der Südseite des Gebirges liegen die Winterquartiere der Indischen Streifengans, die Brutgebiete jedoch liegen in den Hochebenen Zentralasiens und Südostrusslands.
Die zierliche Gans ist sehr sozial und gesellschaftsliebend. Sie ernährt sich, anders als viele andere Gänsearten, nicht nur rein pflanzlich, sondern auch von kleinen Krebstieren, Insekten und Weichtieren. Die kontrastreichen Streifen an Hals und Kopf sind der Grund, weshalb sie trotz ihrer sonst unauffällig silbergrauen Färbung Streifengans genannt wird.
Hierzulande hat sich diese Art als Gefangenschaftsflüchtling verbreitet, jedoch werden die bestehenden Brutpaare noch nicht als Population anerkannt. Und die Indische Streifengans hat anscheinend nicht das geringste Interesse, dies zu ändern, denn statt sich einen artgleichen Partner zu suchen, werden gern Graugänse angenommen. Die daraus resultierenden Hybride sind im Gegensatz zu den meisten anderen Mischlingen fortpflanzungsfähig und können sich weiter mit Indischen Streifengänsen verpaaren.
Die Bestände in Indien, Pakistan und China gelten vor allem wegen Eiraub, Abschuss und Verlust des Lebensraums als bedroht, insgesamt wird die Art jedoch nicht als gefährdet eingestuft.

Wer sich die Zeit nimmt, Gänse in freier Natur zu beobachten, wird ein vielfältiges Verhaltensspektrum zu Gesicht bekommen und verblüffende Ähnlichkeiten zu unserem Benehmen und menschlichen Beziehungen erkennen können. Es lohnt sich, bei der nächsten Begegnung genauer hinzuschauen!

Artikel von Laura E. aus “TierZeit” Ausgabe 1 http://www.tier-zeit.de

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1 Kommentar zu diesem Beitrag.

  1. Manuela's Gravatar

    Autor: Manuela | Datum: 20. Februar 2013 um 11:26

    Hallo,

    ich habe berufsbedingt schon Grau- und Kanadagänse aufgezogen und bin seitdem fasziniert von diesen Tieren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Graugänse etwas gelassener und friedlicher sind. Bereits junge Kandagänse sind wesentlich streitsüchtiger als Graugänse. Und vor allem in der Brutzeit können die Kanadier sehr aggressiv gegenüber unerwünschten Artgenossen sein.

    Herzliche Grüße
    Manuela

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